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Ausweis vorzeigen, dann Stille: W-Social nach einem Monat

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Im Juni eröffnete ein neues soziales Netzwerk die Tore. Ein Netzwerk aus dem Herzen der Europäischen Union, mit hohem Anspruch an Datenschutz und Qualität. W-Social ist sein Name, und das W hat seine Bedeutung. Es steht vor X, dem Social Network von Elon Musk (ehemals Twitter). Aus dem W wiederum lassen sich die beiden Buchstaben VV ableiten. Diese stehen für Value und Verify. Verify ist das Alleinstellungsmerkmal des Netzwerks. Alle Teilnehmer müssen sich über ein Live-Video und einen Ausweis identifizieren, sonst bleibt der Zugang versperrt. Dabei werden (angeblich) die Identitätsmerkmale gelöscht und durch ein Token ersetzt. Der Code der Plattform ist, im Unterschied zu Mastodon im Fediverse, proprietär und verschlossen. Das Geschäftsmodell soll Werbung sein, dazu Micropayments für Artikel hinter Bezahlschranken — beides angekündigt, beides unerprobt.

Durch die Verwendung des von Bluesky erdachten AT-Protokolls sind die Nutzer von Bluesky sofort dabei. Damit ist das neue Netz zu Beginn keine Geisterstadt, was eigentlich gut ist. Es gibt aber auch einen geschlossenen Bereich in W-Social, in dem nur „die identifizierten Mitglieder von W-Social“ dabei sind. Also, um es polemisch zu sagen: Es sind die blauen Häkchen von X, die aber diesmal funktionieren sollen.

Wer steht hinter der Plattform?
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Hinter der Plattform stehen die frühere eBay-Managerin Anna Zeiter und der schwedische Unternehmer Ingmar Rentzhog; der Firmensitz ist Stockholm. Als Geldgeber wird ein schwedisches Medienunternehmen genannt, mit an Bord sind Leute von Spotify und Ericsson. Aus dem Fediverse kam früh Widerspruch:

Jörg M. @AgilePreacher@norden.social

@3sat
Och Leute, kein einziges Wort darüber, dass W-Social schlagartig kein Open Source mehr ist?
Dass sie in einer Nacht-und-Nebel Aktion sämtlichen Code bei GitHub gelöscht haben, was sonst niemand tut?
Oder darüber, dass im Advisory Board einige fragwürdige BigTech-Leute aus dem Silicon Valley und Faschisten- Sympatisanten sitzen?

Seid ihr gekauft worden?

Dennoch bleibt die Frage, warum sollte man sich das antun?

Ich gebe zu, dass ich nach etwas nachdenken, es gut finde, dass es zumindest ein Netzwerk gibt, bei dem sich alle Nutzer identifizieren. Es wird niemand dazu gezwungen, da es genug etablierte Alternativen gibt, aber hier ist ein Ort für (hoffentlich) echte Menschen. Diese dürfen, auch nach Identifikation völlig anonym auftreten und alle denkbaren Ansichten vertreten. Als Fan der Meinungsfreiheit, finde ich das auch erst einmal richtig.

Ich finde es weiterhin auch gut, dass es keine Blocklisten gibt. Blocklisten widersprechen der Meinungsfreiheit und verhindern Diskurs. Ich bin sowohl auf X, als auch auf Mastodon unterwegs. Tatsächlich muss ich sagen, dass trotz teilweiser sehr unsachlichen Kommentaren, ich auf X eher das Gefühl habe, mich äußern zu können. Auf Mastodon schwingt die Blockkeule schneller, als man denkt. Sowohl von Usern, als auch von Administratoren.

Blocklisten widersprechen der Idee der Meinungsfreiheit. Ich möchte weder linke noch rechte Meinungen gefiltert sehen. Ich halte mich und die anderen Teilnehmer für souverän genug, dass diese selbst über das Folgen bestimmen. Jeder soll selbst entscheiden, welche Inhalte interessieren und welche nicht.

Ich mag an w-social auch, dass die Server in Europa stehen und damit den Datenschutzinteressen der Europäischen Union genügen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Die fehlende Interoperabilität mit dem Fediverse betrachte ich als Nachteil. Diese offene dezentrale Alternative wird ignoriert und es wird sogar so getan, als ob das Fediverse nicht existiert.

Schlecht finde ich auch, dass w-social proprietär ist. Warum ist der Quellcode nicht offen? Warum werden die Algorithmen nicht offen gelegt. Selbst X ist hier weiter, trotz aller Kritik.

Dennoch hatte ich mich entschlossen: Ich gebe diesem Netzwerk eine Chance. Es könnte eine veritable Alternative zu X werden, dachte ich. Für Politik, Journalismus und den offenen Diskurs auch unangenehmer Themen vielleicht sogar eine gute Plattform. Ich trug mich auf die Warteliste ein. Mehr aber auch nicht.

Ein Monat später
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Und nun? Nun ist die erste Euphorie einem nüchternen Blick gewichen.

Rund 50.000 Menschen aus 180 Ländern hatten sich dort eingetragen, das klang nach Aufbruch. In Meldungen war denn auch weiter von Zehntausenden die Rede. Doch die Warteliste ist eben nur eine Warteliste — und wer sich Ende Juni tatsächlich einloggte, fand ein paar Tausend Konten und eine sehr stille Straße. Die Fediverse-Bloggerin Elena Rossini beobachtete einen Zähler, der gerade über 5.000 kletterte; ein anderer, öffentlicher Zähler blieb bei rund 1.850 stehen. Neue Beiträge tröpfelten im Minutenabstand herein. Bekannte Gesichter? Kaum. Die deutsche Android-App stand im Play Store bei 1,5 von fünf Sternen. Und selbst das vergleichbare europäische Projekt Eurosky zählte mit rund 20.000 Konten mehr Zulauf.

Man muss es so deutlich sagen: Aus dem großen neuen Ding ist bislang eine ziemlich leere Straße geworden. Zwar haben die Europäische Kommission, die EZB und Christine Lagarde brav Konten angelegt — das erzeugt schöne Schlagzeilen, aber keine lebendige Timeline. Und die kritischen Stimmen wurden lauter. netzpolitik.org nannte W-Social trocken „mehr kalter Kaffee als heißer Scheiß“.

Woran liegt es? Ich vermute, ausgerechnet an dem, was ich anfangs gelobt habe. Die Ausweispflicht, die echte Menschen garantieren soll, ist zugleich die Hürde, die viele abschreckt. Wer bei Bluesky oder im Fediverse ohne Vorzeigen des Personalausweises mitreden darf, überlegt zweimal, ob er einem gewinnorientierten schwedischen Start-up Selfie und Ausweis anvertraut. Und das alte Henne-Ei-Problem bleibt: Ein Netzwerk lebt von den Menschen, die dort sind — und dort sind bislang zu wenige.

Bleibe ich dabei? Ja, vorerst. Ich habe eine Chance versprochen, und ein Monat ist kein Urteil. Eine Beta ist eine Beta, die volle Öffnung ist erst für Januar 2027 geplant. Aber meine Erwartung ist eine andere geworden. Zwischen den Zehntausenden auf dem Papier und den paar Tausend in der Wirklichkeit klafft die eigentliche Geschichte dieses Netzwerks. Ich glaube nicht mehr, dass W-Social das große neue Ding wird. Ich hoffe inzwischen bescheidener: dass es überhaupt ein Ding bleibt.

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